CHARLES OLSON - FREUND PARTNER LEHRER »For use, now!«
4.1 Die Bedeutung dieser Freundschaft
In seinem Brief an Charles Olson vom 22. November 1950 würdigt und beschreibt Robert Creeley die Bedeutung, die Gerhardt für seine amerikanischen Freunde hat: Goddamn happy we found him, or he found us,
as it was. Real crazy, such things, i.e., figure it so - that even as far,
or as close, back as 6 or so months: myself, was sitting on bottom, was
crawling thru co/ with the divers idiots: ACCENT/ etc.
Es mag für europäische, speziell deutsche Verhältnisse ungewöhnlich erscheinen, daß das Zusammengehörigkeitsgefühl US-amerikanischer Dichter entschieden stärker ausgeprägt war und ist als das in unserem Land. Während bei uns viele Schriftsteller ihre eigenen Wege zu gehen versuchen, scheinen der riesige amerikanische Raum und die weniger erdrückende Tradition die Dichter dazu zu bringen, enger zusammenzurücken. Der Brief ist in diesem Rahmen ein nicht zu unterschätzendes Kommunikationsmittel. 6) Mit seiner Hilfe gelingt es, große Distanzen zu überbrücken, sich über gemeinsame Interessen klar zu werden und eine Strategie zu entwickeln, der es möglich ist, der Dichtung die Position zu erkämpfen, die ihr im Spiel der gesellschaftlichen Kräfte zukommt. Charles Olson und Rainer Maria Gerhardt gehen von sehr unterschiedlichen Standpunkten aus, was die Rolle des Dichters in der Gesellschaft betrifft. Um beide Partner besser zu verstehen, ist es notwendig, über die Funktion und die Bedeutung des Schriftstellers bei beiden Autoren nachzudenken, über ihren Lebens- und Arbeits-RAUM. space n. [U] that in which all objects exist and move ... 7) Ausgehend von der Vereinzelung, die nicht selten Einsamkeit bedeutet,
braucht der Dichter einen Raum, in dem er leben, arbeiten und wirken kann.
Da ist zuerst einmal der Raum der Imagination, in dem er sich suchend fortbewegt,
auf den Spuren nach seinem Werk, das er zu er/schaffen sucht. Erst mit
der Vollendung des Werkes konstituiert er sich als Schriftsteller. Solange
das Werke nur in seinem Kopf, in seiner Imagination vorhanden und noch
nicht 'geschaffen' ist, können wir nicht von einem Schriftsteller
sprechen. 8) Der Raum dieser Einbildungskraft wird nun wiederum geprägt
von anderen Räumen. In unserem konkreten Fall können wir zwei
in sich verschiedene unterscheiden. Da ist zum einen (Charles Olson) der
konkrete Raum eines Landes und seiner Geschichte, von der der Imaginationsraum
seine Impulse bekommt und da ist zum anderen (Rainer M. Gerhardt) der Raum
der kulturellen Tradition. Während wir es im ersten Fall mit konkreten
Gegebenheiten zu tun haben, überwiegen im zweiten die mehr abstrakten
Einflüsse.
4.2 Rainer Maria Gerhardt - Tradition als Raum Nach dem Zeugnis Robert Creeleys war für Gerhardt der Dichter ein Mensch, der nicht isoliert von seinem Volk, einer Gemeinschaft existiert, der seine Wurzeln in der Tradition dieser Lebensgemeinschaft fand und findet: He spoke to me of what he felt to be the community, the complex of people
any city or town describes. He felt that a writer was not distinct from
such a unity, but rather helped very literally in its definition. 9)
In seiner programmatischen Schrift 'Rundschau der Fragmente' (Beilage zu Heft 1 der Fragmente) suchte er einen solchen Anknüpfungspunkt zu finden. Er polemisiert gegen die zeitgenössische Literatur, die seiner Auffassung nach »nicht über die anfänge dieses jahrhunderts hinausgekommen« sei. Jedoch reicht seine Anknüpfung an die Tradition weit über den Expressionismus hinaus. Ein wichtiger Teil der Rundschau ist Ernst Robert Curtius gewidmet, für Gerhardt ein Mann, der dem Chaos der Zeit eine geistige Ordnung entgegenzusetzen weiß 13) Programmatisch auch der Essay Mediaevalismus von Ezra Pound, mit dem Heft 1 der Fragmente eröffnet wurde. Die demonstration von ordnung, dem chaos entgegengesetzt, ist von allergrößter bedeutung, erst nach der feststellung von ordnung ist die frage zulässig, welcher art diese ordnung ist, und drittens die frage, in welcher weise sie sich von der eigenen vorstellung von ordnung unterscheidet. 14) Ordnung ist in diesem Fall gleichzusetzen mit Tradition, diese wiederum mit dem Urgrund, der Bedingung aller Existenz überhaupt. Motto dieser Traditionssuche als Suche nach einem Lebensraum könnte ein Satz des Konfuzius sein, der von Gerhardt zitiert wird: »Wenn die Wurzel verwirrt ist, wird niemand mehr gut regiert werden.« In Charles Olson fand er einen Freund und Lehrer, der ihm auf dieser Suche behilflich war. Für den Amerikaner bedeutete LebensRAUM etwas entschieden anderes als für den Europäer Gerhardt. Um den Einfluß Olsons auf Gerhardt und seine Vorstellung vom Ort des Menschen verstehen zu können, ist es wichtig, die wesentlichen Werke dieses »Weltweisen« kennenzulernen. Ein Essay (Human Universe), eine Studie über Herman Melville (Call Me Ishmael) und sein Hauptwerk, der Gedichtzyklus The Maximus Poems, können hierbei helfen. 4.3 Charles Olson und der 'amerikanische Raum' There are laws, that is to say, the human universe is as discoverable
as that other. And as definable.
Zwei Essays Charles Olsons haben in der amerikanischen Literaturgeschichte inzwischen einen nahezu klassischen Status erreicht: die Ausführungen über den projektiven Vers 18) und der eher weltanschaulich-politisch orientierte Aufsatz Human Universe. Es steht am Anfang die Skepsis des US-Amerikaners dem abendländisch-diskursiven Denken gegenüber, eine Skepsis, die sich später als selbstverständlich erweisen wird. Logic and classification (...) have so fastened themselves on habits
of thought that action is interfered with, absolutely interfered with,
I should say. 19)
What really matters: that a thing, any thing, impinges on us by a more important fact, its self-existence, without reference to any other thing. 20) Die Aufgabe lautet: Eine Möglichkeit für die Sprache, für das Schreiben zu finden, die nicht diskursiv-klassifizierend ist. Diese Möglichkeit scheint Olson nicht auf dem europäischen, sondern auf dem amerikanischen Kontinent gefunden zu haben: bei den Mayas. 21) In der Hieroglyphen-Schrift dieses Volkes kommen die Dinge, Tiere, Menschen - die Natur zu ihrem Recht, indem sie nur da-sind, nicht vergleichbar, nicht abstrakt, nicht diskursiv. Die Beschäftigung mit dieser vergangenen Kultur ist Erforschung der eigenen Wurzeln getreu der Maxime, die William Carlos Williams in einem frühen Text formuliert hat: Der Hintergrund Amerikas ist Amerika. Wenn es eine neue Welt geben soll,
darf Europa nicht bei uns eindringen. Es geht nicht darum, das y in ein
i zu ändern wie in Chile, die haben ihre Verflechtungen.
Der Historiker und Dichter Charles Olson wehrt sich heftig gegen die Beschreibung menschlicher Geschichte wie sie bislang praktiziert wurde 23) und er versucht in seinem Werk dem etwas Neues entgegenzusetzen: die Vergangenheit des amerikanischen Menschen (The Maximus Poems) und sein LebensRAUM (Call Me Ishmael) sollen zu ihrem Recht kommen, sollen selbst reden dürfen. Dieses Bestreben findet seinen Ausdruck in der Aneignung eines literarischen Werkes (Moby Dick), aus dessen Deutung ein Mythos heranwächst. 4.3.1 Call Me Ishmael O fahter, fahter
O eeys that loke Loke, fahter:
So wie Rainer Maria Gerhardt in Charles Olson, so fand dieser in Herman Melville eine literarische Vaterfigur. Während für Gerhardt RAUM zuerst Zeitraum war, fand Olson seinen RAUM in der Weite der amerikanischen Landschaft. Hierfür wiederum fand er die Metapher in Herman Melvilles Moby Dick, den Pazifik. I take SPACE to be the central fact to man born in America, from
Folsom cave to now. I spell it large because it comes large here. Large,
and without mercy.
So wie Ahab weder den Pazifik noch den Weißen Wal bezwingen kann, so unmöglich erscheint es, das Land zu beherrschen. Die Aufgabe ist zu groß, und die Kräft eines Mannes scheitern an dieser 'Quadratur des Kreises'. Andererseits wiederum kann und muß man sagen, daß nur ein solches Land (RAUM) einen Menschen wie Ahab hervorbringen kann. Das wiederum legt die These nahe: der RAUM produziert die ihm entsprechende Literatur; zumindest im Falle Melville kann dies mit Fug und Recht behauptet werden. Wie kann es da möglich sein, in der 'Enge Europas' den Moby Dick zu verstehen? Wie kann ein Europäer Melville lesen? In einem Brief muß Charles Olson die Vorstellungen seines Freundes Rainer M. Gerhardt, der die amerikanischen Freunde besuchen will, von diesem Land zurechtrücken: (Oh, yes: a motorrad, is, here, where space is so huge, of no use whatsoever! (Bus, my lad, BUS, or PLANE, is, the way, der weg ueber die steppen! 26) Elf Jahre nach der Veröffentlichung von Call Me Ishmael beschäftigt sich Charles Olson anläßlich einer Buchbesprechung noch einmal und diesmal etwas differenzierter mit der Problematik des Raumes bei Melville. Er kommt dabei auf den deutschen Mathematiker Rieman zu sprechen, den Begründer einer nicht-euklidischen Geometrie: He distinguished two kinds of manifold, the discrete (which would be
the old system, and includes discourse, language as it had been since Socrates)
and, what he took to be more true, the continuous. 27)
Doch diese neugewonnene Freiheit führt in Moby Dick zu einer Konfrontation von Mensch und RAUM, und die erfordert physische Energie, Kraft: Ahabs Kampf ist physisch und intellektuell zugleich. Der tägliche Kampf mit der See wird in der Nacht in der Kapitänskajüte fortgesetzt: Mit den Karten aller vier Weltmeere vor sich, wand Ahab sich durch ein
Labyrinth von Strömungen und Wasserwirbeln, um das eine, das rasende
Verlangen seiner Seele um so sicherer zu stillen.
Some men ride on such space, others have to fasten themselves like a
tent stake to survive. As I see it Poe dug in and Melville mounted. They
are the alternatives. 31)
»because of his notation of the features of American life and
his conscious identification of himself with the people 32) (...), but Melville is the truer man. He lived intensely the first dream. The White Whale is
more accurate than Leaves of Grass. Because it is America, all of her space,
the malice, the root.
I'm putting a stress Melville didn't on whaling as industry. Cutting out the glory: a book Moby-Dick turns out to be its glory. We still are soft about our industries, wonder-eyed. What's important ist the energy they are clue to, the drive in the people. The things made are OK, too, some of them. But the captains of industry ain't worth the powder etc. 35) Olson beschreibt auf den vorhergehenden Seiten die Größe und Bedeutung dieser Industrie für die amerikanische Wirtschaft. Der Walfang ist Industrie und Kampf gleichzeitig. Kampf deshalb, weil er die Menschen mit den Kräften der Natur konfrontiert, die es zu besiegen gilt. So wie der Pionier des Westens das Land eroberte, versucht der Walfänger, sich das Meer und seine Kräfte zu unterwerfen. Der Wal ist die Gefahr, das Bedrohende, das Böse, das sich ihm jederzeit in den Weg stellen kann. Der Wal ist gefährlich und groß wie das Land. Und doch war es weder seine Riesengröße noch seine auffällige
Färbung und nicht einmal der mißgestaltete Unterkiefer, was
den Wal mit so wilden Schrecken umkleidete, sondern jene beispiellos tückische
Verschlagenheit, die er, ausführlichen Berichten zufolge, bei allen
Angriffen immer und immer wieder bekundet hatte. (...) Schon war die Jagd
auf ihn mehrfach von Tod und Verderben begleitet gewesen. Obwohl sich dergleichen,
an Land freilich wenig beachtetes Unheil beim Walfang keineswegs selten
ereignet, so war es doch, als ob der Weiße Wal in den meisten Fällen
mit solch teuflichem Vorbedacht zu Werke ging, daß jeder Verstümmelte,
jeder Tote, der ihm zum Opfer fiel, von keinem vernunftlosen Wesen getroffen
schien. 36)
What moves Melville is the stricken goodness of a Lear, a Gloucester,
an Edgar, who in suffering feel and thus probe more closely to the truth.
Melville is to put Ahab through this humbling. 40)
Ego non baptizo te in nomine patris et
There remains Ishmael. (...) He cries forth the glory of the crew's
humanity. Ishmael tells their story and their tragedy as well as Ahab's,
and thus creates the Moby-Dick universe in which the Ahab-world is, by
the necessity of life - or the Declaration of Independence - included. 42)
Ein unsagbar geheimnisvoller Zauber schwebt um dieses Meer; mild und
erhaben ist sein Gewoge und scheint eine Seele zu künden, die in seinen
Tiefen verborgen liegt; so wogte, wie die Legende erzählt, der Rasen
über dem Grab von Ephesus, in dem der Evangelist Johannes begraben
ward. Was Wunder, daß über diesen Meeresweidegründen, den
fernhinwallenden wässerigen Prärien und Töpfersackern, darin
die Ausgestoßenen und die Pilger aller vier Kontinente ruhen, die
Wellen endlos steigen und fallen und ebben und fluten; denn hier schlummern,
ungleich vereint, Millionen Schatten und Phantome, versunkene Wünsche,
nachtwandlerisch abenteuerliche Träume, alles, was wir Menschenleben
und Menschenseele nennen: sie alle liegen träumend, in tiefen Träumen
noch, und werfen sich wie unruhvolle Schläfer in ihrem Bett umher;
die ewig rollenden Wogen sind rastlos nur durch dieser Schläfer Unrast. 43)
1. an experience of SPACE (...),
Die Bewegung führt weg von Europa. Der Weg geht vom Odysseus Homers über den des Dante zu Melvilles Ahab. Melville aber erfährt und begreift als Amerikaner, als Demokrat: die Crew (das Volk) wird (noch!) tyrannisiert von einem 'absolutistisch' herrschenden Kapitän, doch in der Gestalt Ismaels ist die Idee der Demokratie immer vorhanden. Mit der Tatsache aber, daß Moby Dick in einen Zusammenhang mit der Odyssee gesehen wird, wird das spezifisch 'Amerikanische' auch schon wieder verlassen. Es werden europäisch-abendländische Vorstellungen zum Vergleich herangezogen, aber auch gleichzeitig einer Kritik unterzogen. The third and final odyssey was Ahab's. The Atlantic crossed, the new land America known, the dream's death lay around the Horn, where West returned to East. The Pacific is the end of the UNKNOWN which Homer's and Dante's Ulysses opened men's eyes to. END of individual responsible only to himself. Ahab is full stop. 45) Es beginnt eine neue Geschichte, die Geschichte des Westens. In seinem
Hauptwerk versucht Charles Olson, die Vergangenheit seines Landes zu erkunden:
als Historiker und als Poet. Auf den letzten Seiten von Call Me Ishmael
entwirft er den 'pazifischen Menschen' und das ist gleichzeitig der Entwurf
für Maximus, den Protagonisten seines langen Gedichtes. »The
scope of The Maximus Poems is all outlined in the last pages of Call Me
Ishmael.«
Die Prärie ist wie die See; sie läßt denjenigen, der sie kennengelernt und lieb gewonnen hat, niemals von sich. Nein, alle diese Bücherschreiber kennen den Westen nicht, denn wenn sie ihn kennengelernt hätten, so hätten sie ihn nicht verlassen, um ein paar hundert Papierseiten mit Tinte schwarz zu machen. 47) Im Mai 1950 begann Olson einen lange gehegten Plan zu verwirklichen: Er schrieb das erste Gedicht seines 'Maximus-Zyklus' I, Maximus of Gloucester, to You. Ausgehend von seiner Heimatstadt wollte er versuchen, in einer Folge von Gedichten dem amerikanischen Raum eine Geschichte zu geben. Im 23. Brief des Zyklus gibt er dem Leser einen Einblick in seine Zielvorstellung: I would be an historian as Herodotus was, looking
1953 erscheint die erste Folge (Letter 1-10) im Verlag seines ehemaligen Schülers aus der Black-Mountain-College-Zeit Jonathan Williams in Stuttgart. Es steht fest, daß Rainer M. Gerhardt am Zustandekommen dieser Publikation beteiligt war. Am 9. April 53 schreibt Olson an Cid Corman: So now it's only a question of final mss of all eight (fr yr #1, thru
8) to be published in Stuttgart (I may have told you, with Gerhardt, as
printer-designer) by a fellow named Williams:
Das Bild Amerikas und seiner Geschichte ist in diesem Werk gekennzeichnet
durch zusammengefügte Erinnerung, also nichts Lineares, also: RAUM.
In diesem Sinne kann Olson in einem Vorspruch zu seinem Gedichtzyklus West
sagen: »So I have here a larger story than would appeare.«
Off-shore, by islands hidden in the blood
Die Blickrichtung und der Standort sind angegeben, ebenso die wesentlichen Motive, die den Zyklus beherrschen: die See, die Stadt, die Natur (und das Verhalten der Menschen zu ihr), die Geschichte und die Liebe. love is form, and cannot be without
Der Autor nähert sich seinem Gegenstand mit affektiver Zuneigung;
und diese Liebe ist es, die dem Gegenstand die Form gibt. Das 'Ding' (der
Gegenstand) ist wichtiger als der Formwille des Autors: »I believe
in Truth! (Wahrheit) My sense is that beauty (Schönheit) better stay
in the thingitself: das Ding - Ja! - macht ring. Man könnte
dieses erste Gedicht, das Olson wie kein anderes des gesamten Werkes immer
wieder umgearbeitet hat, als Ouvertüre ansehen, als Ausgangspunkt
und Standortbestimmung.»
one loves only form,
Die Dinge, die im Gedicht lebendig werden, haben vielerlei Gestalt. Der Autor verschwindet hinter ihnen. Ob es Anekdoten aus der amerikanischen Geschichte sind, Rechnungen, Materialverzeichnisse, Eintragungen in Kirchen- und Grundbüchern - sie behalten ihr Eigenleben, sie werden nicht 'geformt'. Die frühen Gedichte des ersten Bandes dringen ein in die Geschichte der Hafenstadt Gloucester und Umland. Vielfältige Zeugnisse, die bis in die Früh- und Vorgeschichte des Landes zurückreichen, werden angeführt. Angesprochen werden die Fischer des Ortes; berichtet wird von ihrer Arbeit und ihren Bemühungen um die Stadt. Die Texte dieser ersten 160 Seiten sind strenger und einheitlicher gebaut als die der beiden folgenden Bände. Typographische Freiheiten wie z.B. in Letter, May 2, 1959 56) sind selten. Der zweite Band (The Maximus Poems IV, V, VI) erweitert das Feld. Der Blick geht über Gloucester hinaus; Maximus sucht seine Wurzeln auch in den Traditionen des nicht-amerikanischen Raumes: Hesiod wird zitiert und die Edda. Großen Einfluß auf den Verlauf des Gedichtes nimmt Olsons Lektüre der Werke C.G.Jungs 57). Doch so mannigfaltig die Einflüsse sind, so immens die Vielfalt des durch den Dichter ins (poetische) Leben Gerufene auch ist: immer wieder ist es Gloucester, zu dem Olson / Maximus zurückkehrt. 58) Auffallend ist der Wechsel von kompakten, materialreichen und kurzen (zwei bis vier Zeilen langen) Texten; der Konzentration auf die Mitteilung dienen auch leere Seiten 59). Die Gedichte des dritten Bandes werden zunehmend persönlicher:
Das eigene Leben und Erleben in und um Gloucester rückt immer mehr
in den Mittelpunkt (der Tod seiner Frau, das Gefühl der Isolation
in der Stadt, die Reisen in den USA und nach Europa). Dennoch wird das
zentrale Thema, dem RAUM Amerika eine Stimme zu geben, nie aus den Augen
verloren. Der Ton ist einfacher, musikalischer geworden. Das Zitat, auch
das fremdsprachliche, ist zum Eigenen geworden:
Wie bei Pound spielt auch bei Olson eine gewisse Reserve gegenüber
dem heutigen offiziellen Amerika eine Rolle. Diese verbindet sich mit einer
spezifischen Auffassung von Geschichte, regionaler Geschichte, Lokalchronik
und altindianischer Überlieferung (gemischt mit Reminiszenzen an die
europäische Antike). Geschichte gehört zum Rekapitulierbaren;
der Prospekt des Gedichts vermag durchsichtig zu werden bis auf jene Gründe
hin, die hinter aller Überlieferung liegen. Er vermag dies nicht in
der Deutung durch eine Idee oder Lehre, sondern im Zitat dessen, was sprachlich
seine Spur hinterlassen hat. 63)
1) Charles Olson: x & y, Washington, 1950.
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